Wer einen Abstinenznachweis führt, hat viel zu verlieren: Ein positiver Befund bedeutet, dass der Nachweiszeitraum von vorn beginnt – sechs oder zwölf Monate, die nicht zählen. Umso wichtiger ist es zu verstehen, wie ein Rückfall entsteht. Denn er beginnt fast nie beim ersten Glas.
Der Rückfall beginnt Wochen vorher
In der Suchtforschung ist der Rückfall kein Ereignis, sondern ein Prozess. Typischerweise verändert sich zuerst etwas im Denken und im Alltag: Der Kontakt zu alten Trinkkreisen wird wieder aufgenommen, Bewältigungsstrategien werden vernachlässigt, Belastung staut sich an. Dann folgen die Rechtfertigungen: „Ein Glas zählt nicht." „Ich habe es jetzt bewiesen." „Bei dem Anlass kann ich schlecht Nein sagen." Erst danach kommt der Konsum. Wer die frühen Schritte kennt, kann rechtzeitig aussteigen.
Die vier kritischen Situationen
- Feiern und Familienereignisse. Hochzeiten, Geburtstage, Weihnachten – hoher sozialer Druck, viel Verfügbarkeit.
- Negative Gefühle. Streit, Einsamkeit, beruflicher Ärger. Der häufigste Auslöser überhaupt.
- Positive Anlässe. Unterschätzt: Beförderung, gute Nachrichten, Urlaub. „Darauf stoße ich doch an" ist ein klassischer Einstieg.
- Routineleere. Der erste freie Abend ohne Plan, besonders in den ersten Monaten.
Was tatsächlich hilft
Ersatzhandlungen statt Verzicht. Eine Gewohnheit lässt sich schwer streichen, aber gut ersetzen. Wer das Feierabendbier gewohnt war, braucht etwas anderes für diese Uhrzeit – Sport, ein alkoholfreies Ritual, ein Anruf.
Zwei Menschen, die Bescheid wissen. Wer allein abstinent bleibt, hat niemanden, den er in der kritischen halben Stunde anrufen kann. Zwei eingeweihte Personen reichen oft völlig aus.
Ein vorbereiteter Satz für Feiern. „Ich trinke gerade nichts" – mehr braucht es nicht. Wer sich vorher eine Formulierung zurechtlegt, muss im Moment nicht improvisieren.
Ein Notfallplan auf Papier. Drei Auslöser, drei Gegenmaßnahmen, zwei Telefonnummern. Klingt banal, wirkt in der Situation.
Warum das auch für die MPU zählt
Im Gespräch wird der Gutachter genau danach fragen – das ist der Teil, den Fachleute Rückfallprophylaxe nennen. Erwartet wird keine Theorie, sondern etwas Konkretes: Welche Situation ist für dich persönlich riskant, was tust du dann genau, und wann hat das schon einmal funktioniert? Wer eine reale Situation schildern kann, in der die Strategie gehalten hat, liefert den überzeugendsten Beleg für Stabilität, den es gibt.
Und wenn doch etwas passiert ist?
Verschweigen ist die schlechteste Option – bei einer Haaranalyse kommt es ohnehin heraus, und ein verschwiegener Rückfall wiegt schwerer als der Rückfall selbst. Besser: den Vorfall einordnen, verstehen, was ihn ausgelöst hat, den Nachweiszeitraum neu starten und daraus eine bessere Strategie ableiten. Ein aufgearbeiteter Rückfall kann in der Begutachtung sogar Glaubwürdigkeit schaffen – ein vertuschter kostet sie vollständig.
